Bier – ein Getränk aus Hopfen und IT

Heutzutage ist der sichere Umgang mit dem Computer in neun von zehn Handwerksberufen eine Grundvoraussetzung. Auch Traditionsberufe wie Brauer und Mälzer kommen nicht mehr ohne IT-Wissen aus. Ob im Sudhaus, bei der Abfüllung oder im Lager – ein Besuch in der Berliner-Kindl-Schultheiss Brauerei zeigt, dass über 70 Prozent der dortigen Arbeitsprozesse IT-gestützt sind.

Als Rainer Tzschentke vor 30 Jahren in der Berliner Kindl Brauerei seine Lehre begann, gab es schon Malzkeimungsmaschinen und Maischpfannen, die die Bierherstellung erleichterten. „Aber die Steuerung der Bierproduktion und Abfüllung durch hochmoderne Computertechnologie hat sich erst in den letzten Jahren rasant durchgesetzt“, erinnert sich der Mitarbeiter. Heutzutage muss der Brauer sich in verschiedenen Steuerungssystemen auskennen und per Computer den Sortenwechsel oder die CO2-Einstellungen eingeben und kontrollieren. „Früher wurde das noch per Hand gemacht. Heute arbeiten wir ausschließlich an den Bildschirmen.“

Das Arbeiten mit modernsten Technologien sei sehr erleichternd und vor allem sehr effizient, so Tzschentke. Über 100.000 Flaschen pro Stunde laufen im Schnitt über die Abfüllstraße der Berliner Brauerei.

„Für unsere Mitarbeiter im Produktionsbereich, die im Schnitt 52 Jahre alt sind, war die Einführung von modernster IT-Technologien natürlich eine Umstellung“, sagt Oliver Falkenhain von der Brauerei. Inzwischen erfolgen selbst die Gesellenprüfungen an Simulationssoftware. „Auf diese Weise wird kontrolliert, ob die Lehrlinge wirklich jeden Handgriff verstanden haben.“

Prüfungen an Simulationssoftware durchzuführen, ist auch in der KFZ-Branche üblich. „Handwerk ist High-Tech“, sagt Dr. Michael Hoffschroer, Experte für berufliche Bildung beim Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) aus Berlin. „In neun von zehn Ausbildungsberufen im Handwerk werden IT-Kenntnisse vorausgesetzt. Leider glauben noch immer viele Jugendliche, dass Handwerksberufe nichts mit IT zu tun haben. Daher ist die Abbrecherquote sehr hoch“, sagt Hoffschroer.

Seiner Erfahrung nach sei die jetzige Generation der Berufsanfänger auch schlechter ausgebildet. „In Deutschland gibt es zur Zeit eine Bildungsstagnation“, so der ZDH-Bildungs-Experte. Das beweist auch die IT-Fitness-Umfrage bei 200 Personalentscheidern aus Handwerk und  Industrie. Sie ergab, dass fast jeder zweite Lehrling keine ausreichenden Kenntnisse im Umgang mit Computern und Internet hat. Eine aktuelle bundesweite Auswertung des IT-Fitness-Tests bestätigt den Nachholbedarf bei unter 20-jährigen in Sachen IT-Kompetenz. „Der IT-Fitness-Test ist Thema in fast jedem Bewerbungsgespräch im Handwerk“, sagt Hoffschroer. „Über kostenlose Online-Schulungen versuchen wir, die IT-Basiskompetenzen der Jugendlichen zu stärken.“  Der ZDH gehört zu den Gründungspartnern der IT-Fitness-Initiative, die bis 2010 vier Millionen Menschen fit im Umgang mit PC und Internet machen will.

Rainer Tzschentke von der Berliner-Kindl-Brauerei verfügt über die nötigen IT-Kenntnisse: „IT ist ein Steckenpferd von mir“, sagt der 46-Jährige und widmet sich wieder der Steuerungsanlage. Sie hängt direkt über dem Band, auf dem die Bierkisten leicht klappernd in Richtung Abfüllmaschine rollen. Noch wenige Sekunden, dann  läuft das frisch gebraute Bier zischend in die Flaschen.

Alle Fotos sind von Henry Hermann.

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