Ehrenamt mit Zukunftsversprechen
Eine Woche lang nahmen elf Jugendliche der Pädagogischen Wohngruppe Padingbüttel (Bremerhaven) an einem IT-Fitness-Workshop teil. Von einem Microsoft-Mitarbeiter initiiert, lernten sie Berufsbilder näher kennen und sammelten am Computer Basiskenntnisse im Bereich Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Am Ende des Seminars bestanden sie den IT-Fitness-Test mit Bravour und erhielten eine IT-Fitness Urkunde.
Wenn Sebastian Tischer etwas plant – dann in typischer Manager Manier. Zielorientiert. Gewinn bringend. Messbar. Nachhaltig. So hält er es auch bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Während seines Sommerurlaubes leitete der Microsoft Deutschland Director Customer Advocacy and Licensing (LCA) ein fünftägiges IT-Seminar in einem Jugendheim bei Bremerhaven. Doch bevor er das Qualifizierungsprojekt, das Teil der IT-Fitness Initiative ist, organisierte, ließ er sich vom Jugendheim einen Vertrag unterzeichnen. Darin verpflichtet sich die Einrichtungsleitung, die Jugendlichen bei ihrer freiwilligen Weiterbildung am Computer und der Erlangung der IT-Fitness-Urkunde zu unterstützen und die kostenlosen Online-Kurse der Initiative auch in den kommenden zwei Jahren anzubieten.
Unter einem Dach
Gegen 13 Uhr füllt sich das Haus am Großen Kirchweg 1 mit Leben. Die Bewohner des roten Backsteingebäudes treffen sich im Wohnzimmer. Munter sprechen sie über die Erlebnisse des Vormittages: Jasmin, Jessica, Jaqueline, Denise, Vanida, Ole, Michel, Jandrik, Jan, Christopher, Benjamin sind zwischen sieben und siebzehn Jahre alt. Sie sind keine Geschwister. Aber sie leben alle unter einem Dach – in der Pädagogischen Wohngruppe von Padingbüttel, einem kleinen Dorf nahe der Nordsee.
Wie lange sie in der Einrichtung, die von Veronika Thiems-Thielmann geleitet wird, wohnen, hängt von allen Beteiligten ab. Die Eltern müssen einen Antrag für eine stationäre Maßnahme bei dem zuständigen Jugendamt stellen. Diese wird halbjährlich mit allen beteiligten im Hilfeplan geprüft und neu geregelt. Vielfach sind die Eltern psychologisch krank oder komplett mit ihrem Alltagsleben überfordert. Für manche der Kinder und Jugendliche bildet das gemütliche Haus, das unweit der Padingbütteler Dorfkirche steht und von einem wunderschönen Garten umgeben ist, schon seit mehreren Jahren ein Ersatz Zuhause.
IT-Fitness fördert berufliche Chancen
Nach dem gemeinsamen Mittagessen geht die Gruppe in die sonnen durchflutete Küche. An dem langen Holztisch wird ab 15 Uhr in kleinen Gruppen gemeinsam gebüffelt. Keine Hausaufgaben, sondern das sichere Verhalten im Internet. Dieses Thema ist Teil ihres fünftägigen IT-Workshops, den ihr Nachbar Sebastian Tischer für sie organisiert hat.
Seitdem Veronika Thiems-Thielmann das Jugendheim vor sieben Jahren eröffnete, unterstützt der Microsoft-Mitarbeiter das Haus und den daran angeschlossenen Verein zur Förderung der Pädagogischen Wohngruppe Padingbüttel e.V.
„In den vergangenen Jahren habe ich zu den Kindern eine emotionale Bindung aufgebaut“, sagt Tischer, der in Padingbüttel ein Ferienhaus besitzt. „Sie haben mir von sich erzählt. Sie sind alle wahnsinnig nett und haben in ihren jungen Leben schon sehr viel Schreckliches erlebt“, fügt der Münchner, der selber Vater von drei Kindern ist, hinzu.
Besonders die Förderung ihrer beruflichen Chancen liegt ihm am Herzen. „Allein schon mit der Berufswahl tun sich die Jugendlichen schwer. Sie haben niemanden, der sie berät. Ihre Eltern fallen ja aus.“
Deshalb kam ihm die Idee, das Jugendheim in die Qualifizierungsinitiative IT-Fitness von Microsoft und Partnern einzubinden. Bis 2010 sollen mit diesem umfangreichen Weiterbildungsprogramm insgesamt vier Millionen Menschen in Deutschland fit im Umgang mit PC und Internet gemacht werden. Besonders Schüler, Auszubildende und Jugendliche in der Berufsfindung stehen dabei im Fokus der Initiative.
Urkunde belegt IT-Kenntnisse
Neben einem IT- Test, der über den individuellen IT-Kenntnisstand Auskunft gibt, gehört die „fIT-Box 2.0“ zu dem Lernprogramm der Initiative. Die fIT-Box ist ein virtueller Koffer, der mit vielen eingebauten Entertainmentfunktionen wie Videos über die Bedeutung von IT in verschiedenen Berufen und Ausbildungszweigen informiert. Zehn weiterführende Selbstlernmodule vermitteln die wichtigsten Basiskenntnisse in z.B. Textverarbeitung, Power Point und Tabellenkalkulationen. Am Ende der Lerneinheiten belegt eine Urkunde das erlangte IT-Wissen.
„Die Gegend um Bremerhaven ist strukturschwach“, so Tischer. „Es gibt nur wenig Berufsmöglichkeiten und noch weniger Arbeitsplätze.“
Auch die aktuelle wirtschaftliche Gesamtlage erfasst den Ausbildungsmarkt. Junge Leute drohen die großen Verlierer der Krise zu werden, warnen der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). So seien Ende Mai 168.552 Ausbildungsverträge abgeschlossen worden, fast sieben Prozent weniger als im Vorjahr.
Mit fundierten IT-Kenntnissen erhöhen die Jugendlichen ihre Startchancen“, sagt Tischer. „Unternehmen achten heutzutage auf IT-Wissen. Noch besser ist es, wenn die Berufsanfänger ihre Fähigkeiten nachweisen können.“
Ziel erreicht
Tischer, selber IT-Experte, weiß aber auch, wie groß die Schere zwischen freien Stellen und Arbeitslosen ist. „Viele Arbeitsplätze können nicht besetzt werden, weil den Leuten das notwendige Know-How fehlt“, sagt er.
So gab fast die Hälfte aller Personalchefs einer TNS-Umfrage aus dem Jahr 2007 an, dass Berufsanfänger nicht über genügend Kenntnisse im Umgang mit dem Computer und dem Internet verfügen würden. Dabei sind besonders in der Textverarbeitung (63 Prozent) und in der Tabellenkalkulationen (47 Prozent) IT-Fertigkeiten gefordert.
„Wir haben sehr viel erreicht in der einen Woche. Fünf Erzieher haben den IT-Fitness-Test absolviert und gelernt, wie man bestimmte Lerneinheiten individuell für die Kinder konfiguriert und diese Einheiten mit ihnen erarbeitet. Die jugendlichen Teilnehmer haben den Mehrwert von IT für ihr Berufsleben verstanden und auch schon erkennbar ihre Kenntnisse verbessert. Und wir haben mit der Einrichtung vertraglich vereinbart, dass in der Wohngruppe auch zukünftig Online-IT-Trainings absolviert und unterstützt werden.“
Auch die Einrichtungsleiterin ist zufrieden mit dem Ergebnis der IT-Woche. „Mit diesem Zusatzangebot wollen wir die Jugendlichen bei der Praktikanten- und Arbeitsplatzsuche unterstützen – auch zukünftig. Wie wichtig IT für ihr Berufsleben ist, haben sie tatsächlich erst durch das Seminar verstanden.“, sagt Veronika Thiems-Thielmann „Vielen unserer Kinder und Jugendlichen fällt es besonders schwer, etwas zu beginnen und auch durchzuhalten. Sie haben Konzentrationsschwächen und werden schnell unruhig. Aber die Arbeit am Computer ist sehr gut bei ihnen angekommen.“
Vertrag sorgt für Nachhaltigkeit
Das bestätigen auch die jungen Teilnehmer. Die 14-jährige Jasmin will Altenpflegerin werden. „Durch die fIT-Box habe ich sehr viel über den Beruf erfahren. Außerdem wusste ich gar nicht, was man alles mit dem Computer machen kann. Das Seminar wird mir sehr nützen.“
„In der Schule wird der Computer selten benutzt“, erzählt Ole (16). „Aber wenn ich Einzelhandelskaufmann werden möchte, muss ich unter anderem Arbeitspläne schreiben können.“
Und Jaqueline (14), die Dachdeckerin werden will, freut sich, dass sie so viele neue Begriffe gelernt hat, die sie vorher gar nicht kannte. „Herr Tischer hat uns viel erklärt. Das war klasse.“
Sie sagt auch, dass Sebastian Tischer nicht wie ein Lehrer aussähe. Aber die Qualitäten hätte er. Und vorausschauend sei er auch: Schließlich habe er durch den Vertrag dafür gesorgt, dass auch die zukünftigen Bewohner der Pädagogischen Wohngruppe Padingbüttel in den nächsten Jahren den IT-Fitness-Test machen und ihre IT-Kompetenzen mit Unterstützung der Einrichtung verbessern können.
Am Ende des Workshops waren alle elf Jugendlichen stolz: Auf ihre neuen IT-Kenntnisse und ihre ganz persönliche IT-Fitness Urkunde!